Vorwort, Seite 4
Ein Reel, das eine Zeit lang auf Social Media herumging. Zwei schreien ihr Erfolgsrezept in die Kamera:
„Hello ChatGPT. How to be rich? Very rich overnight. Give me 10 ideas. 50 ideas. Zero investment. No risk. No risk. No risk. No hard work. No hard work. Saturday, Sunday off. World tour included. Shark Tank friendly ideas. Best ideas. No hurry. Take your time. Deep research. Deep research. Go!“
Vorwort, Seite 5
Ein Rezept, wie du ohne Arbeit schnell reich wirst. Solche Rezepte gibt es nicht. Normalerweise steckt dahinter ein Schneeballsystem oder einer, der dir am Ende einen Kurs verkauft. Hier steckt dahinter nur ein Prompt, ein paar Sätze, die einer in ein Eingabefeld tippt. Ich habe gelacht. Dann fiel mir auf, warum der Clip funktioniert. Er übertreibt nur, was viele wirklich glauben.
Der Witz ist nämlich nicht der Knopf. Den Deep-Research-Knopf gibt es, und er tut erstaunliche Dinge. Er durchsucht ein paar hundert Webseiten, liest sie, vergleicht sie und legt dir nach einer halben Stunde einen fertigen Bericht hin, seitenlang, mit Quellenangaben. 2023 war das undenkbar. Der Witz ist das zero effort. Die Maschine senkt den Aufwand brutal, auf null senkt sie ihn nicht.
Von diesem Teil handelt dieses Buch.
Ich war Torwart. Zwei Jahre Profi, und noch während ich spielte, fing ich an, online Torwarthandschuhe zu verkaufen. Ein Vierteljahrhundert E-Commerce ist daraus geworden. Im Tor stehst du hinten und siehst als Einziger das ganze Spiel. Du dirigierst die Abwehr, stellst die Mauer, schiebst deine Leute zurecht, bevor der Ball überhaupt kommt. Halten musst du ihn nur, wenn das alles nicht gereicht hat. Genau so arbeite ich heute, nur heißen meine Verteidiger jetzt Agenten, Programme, die eine Aufgabe selber zu Ende bringen, statt nur zu antworten. Ich orchestriere sie, denke voraus, verteile die Aufgaben, greife ein, wenn einer falsch steht. Je besser ich das mache, desto seltener muss ich hechten. Um diese Position geht es in diesem Buch, und du brauchst dafür kein Tor.
Wie weit ich es mit dem Programmieren gebracht habe: ein Java-Kurs, in einem Medieninformatik-Studium, das ich für den Fußball abgebrochen habe. Ich schreibe keinen Code. Aber ich verstehe inzwischen, was Code kann, was ungefähr dahinter-
Vorwort, Seite 6
liegt und was man damit bauen kann. Mehr brauchte es nicht. Ein guter Teil dessen, was in meiner Firma und in meinem Haus läuft, läuft heute durch die KI.
Angefangen hat dieses Buch als Memo. Genauer als zwei. Und je mehr ich mit Leuten redete, desto klarer sah ich, wie wenige mitbekommen, was gerade passiert. Es erzählt ihnen auch kaum jemand, der es selbst jeden Tag macht. Inzwischen bekomme ich aus der Firmengruppe, zu der wir gehören, so viele Fragen zu KI, dass ich den ganzen Tag nichts anderes machen könnte. Dabei führe ich eine Handschuhfirma. Irgendwann war klar, ich schreibe die Antworten auf. Einmal, ordentlich, für alle.
Eines noch, bevor du weiterliest. Die Angst ist nicht weg, und ich will sie auch nicht wegschreiben. Sie ist Respekt. Im Juni 2026 zwang eine Anordnung der US-Regierung einen Hersteller, seine stärksten KI-Modelle von einem Tag auf den anderen abzuschalten, weltweit, für alle. Zweieinhalb Wochen später hob sie die Anordnung wieder auf. Ich bewerte das nicht. Ich lese nur ab, dass es hier um mehr geht als um ein neues Programm.
Dieses Buch ist kein Handbuch. Keine Promptlisten zum Nachtippen, keine Toolvergleiche, kein Glossar. Handbücher gibt es genug, und sie veralten schneller, als man sie drucken kann. Was du findest, sind Geschichten. Aus KEEPERsport, einer Firma mit vierzig Leuten, die Torwartprodukte verkauft. Und aus unserem Zuhause, wo dieselbe Technik längst am Küchentisch sitzt, ein Agent betreut die Schularbeiten der Kinder und dreht manchmal den Fernseher ab. Erst, warum sich alles ändert. Dann, wie ich mit der Maschine arbeite. Und zuletzt, was du selbst daraus machst.
Geschrieben habe ich es für jeden, der auf die andere Seite springen will und verstehen will, was da passiert, ohne ein Handbuch zu lesen. Ob du fünfzehn bist oder fünfundfünfzig, ob du noch zur Schule gehst, im Verkauf sitzt oder eine Firma
Vorwort, Seite 7
führst, spielt keine Rolle. Die wenigsten setzen sich von allein hin. Genau deshalb habe ich das hier aufgeschrieben. Machst du weiter wie bisher, oder fängst du an?
Du musst nicht technisch sein. Du musst bereit sein.
Trau dich.
Akt 1, Seite 8
Akt 1. Hinsehen.
Das Reden ist laut. Das Tun ist leise.
Kapitel 1, Seite 9
1. Die unsichtbare Disruption
Ein Golfplatz südlich von Wien, ein Samstag im März 2026. Eine Runde Golf, vier Stunden Zeit, und irgendwann reden zwei Männer über ihre Arbeit, so wie das auf dem Platz eben passiert. Ich erzähle, woran ich gerade sitze. Claude, OpenClaw, zwei KI-Werkzeuge, deren Namen auf diesem Platz vermutlich noch nie jemand ausgesprochen hat, und ein Agent, der nachts Dinge erledigt, die ich morgens nur noch durchschaue. Ich bin voll drin. Ich baue, und ich kann nicht aufhören, davon zu reden.
Der andere ist Software-Entwickler. Seit Jahrzehnten, ein sauberer Mann seines Fachs. Er hört zu, nickt, und sagt dann den Satz, den ich seit zwei Jahren in Varianten höre. Jede Zeile Code schreibe er selbst. Ein paar Junior Developers in seiner Firma hätten es mit dieser KI versucht, herausgekommen sei unbrauchbares Zeug. „Das“, sagt er und steckt den Driver zurück in die Tasche, „das wird sich nie durchsetzen.“
Gleicher Beruf wie ein Freund von mir. Nennen wir ihn Florian. Florian schreibt mir ein paar Wochen davor eine Nachricht, in der er seine eigene Firma seziert. Er selbst sei mit diesen Werkzeugen inzwischen beim Vielfachen seiner früheren Leistung. Seine Leute, in derselben Firma, an denselben Aufgaben,
Kapitel 1, Seite 10
bei vielleicht dem Eineinhalbfachen. Am Ende der Nachricht steht ein Wort. „Frustrierend.“
Zwei Entwickler. Dasselbe Handwerk, dieselben Werkzeuge liegen für beide bereit. Der eine ist überzeugt, das Ganze sei eine Mode, die vorbeigeht, und schützt damit ein Können, dessen Wert gerade fällt. Der andere zählt in seiner eigenen Firma den Abstand zwischen sich und seinen Leuten und findet kein Wort dafür außer frustrierend. Die zwei leben nicht in verschiedenen Branchen. Sie leben in verschiedenen Welten, ein paar Monate auseinander.
Angst machen will ich dir nicht. Ich will dir zeigen, warum du nichts siehst. Was ich sehe, hat kein Bild.
Die Fabriken der industriellen Revolution hatten Schornsteine, den Rauch sah man von weitem. Das Internet, an das ich mich gut erinnere, hatte ein Modem, das sich mit diesem Geräusch einwählte, und einen Computer, der so teuer war, dass ihn nicht jeder hatte. Man konnte auf die Veränderung zeigen. Man sah sie kommen.
Diese hier läuft in einem Browser-Tab. Sie macht kein Geräusch. Sie steht in keiner Lagerhalle. Sie passiert nachts, während ein Agent eine Aufgabe abarbeitet, und am Morgen liegt das Ergebnis da, und keiner hat etwas gesehen. Du kannst neben einem Menschen sitzen, der seit Monaten anders arbeitet als du, und es nicht merken.
Zweimal habe ich in den letzten zwei Jahren innegehalten und aufgeschrieben, wo ich mit der Sache stehe. Eigentlich nur für mich, um den Stand festzuhalten, bevor er sich wieder verschiebt. Und dann habe ich beide auf LinkedIn gestellt, denn so hält man das heute fest, etwas für sich behalten, öffentlich, vor ein paar tausend Leuten. Ich nenne die zwei Texte meine KI-Memos. Beide auf Englisch, weil meine Leser auf LinkedIn nicht nur in Österreich sitzen. Du wirst sie durch dieses Buch hin-
aus Kapitel 3, Seite 26
Grafik: Der Weg zu hundert Millionen Nutzern. Derselbe Meilenstein, zwei Geschwindigkeiten. Instagram brauchte für hundert Millionen Nutzer zweieinhalb Jahre, ChatGPT zwei Monate. Eigene Darstellung. Instagram-Meilensteine und ChatGPT-Zahl (UBS/Similarweb) in den Endnoten.
Wir denken linear, weil unser Leben linear ist. Ein Schritt, noch ein Schritt, dreißig Schritte, dreißig Meter weit. Ray Kurzweil, der seit Jahrzehnten über exponentielles Wachstum schreibt, hat dafür ein Bild, das bei mir hängengeblieben ist. Dreißig lineare Schritte bringen dich dreißig Meter weit. Dreißig exponentielle Schritte bringen dich auf eine Milliarde Meter. Das ist fünfundzwanzigmal um die Erde. Hier verschätzen sich fast alle. Sie sehen die letzten zwei Jahre, rechnen geradlinig weiter und liegen damit dramatisch daneben.
Und es ist nicht nur das Tempo. Im ersten Memo steht ein Satz, der mir mit der Zeit wichtiger wurde als jede Zahl. Techno-